Elizabeth Acevedo – Poet X

Mein Bruder wurde geboren als ein safter Hauch, der kaum die Luft bewegt.
Ich hingegen wurde geboren als der Sturm.
Ich bin der schrille Klang, der alle bis ins Mark erschüttert,
die versuchen, ihn niederzuringen.

Über das Buch

Rowohlt Rotfuchs | 368 Seiten | Erschienen: 2019 | Original Titel: The Poet X

 

Xiomara Batista fühlt sich in ihrem New Yorker Viertel Harlem nicht gehört, dafür aber umso mehr gesehen. Seit ihr Körper kurvig geworden ist, muss sie sich täglich mit Fäusten gegen die grenzüberschreitenden Bemerkungen anderer wehren, während ihre strenggläubige Mutter sie dazu drängt, sich den Regeln der Kirche zu unterwerfen und zu schweigen.

Doch Xiomara hat eine ganze Menge zu sagen, und so füllt sie die Seiten ihres Notizbuches mit ihrem Frust, ihrer Wut – und ihrer Liebe zu ihrem Mitschüler Aman, von dem ihre Familie niemals erfahren darf. Als X die Chance bekommt, dem Slam Poetry Club der Schule beizutreten, findet sie auf der Bühne einen Weg, sich endlich Gehör zu verschaffen.

Meine Meinung

Poet X ist eines dieser Bücher, das man bei Instagram sieht, das einem sofort auffällt und das man irgendwie einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Seit seiner Veröffentlichung im englischsprachigen Raum, habe ich Bilder dieses Buches auf Instagram gesehen und mich gefragt wo dieser Hype herkommt. Das Buch verschwand auch nicht mit der Zeit, sondern gewann ganz im Gegenteil einige Preise im Jugendbuchbereich. Das hat mich natürlich umso neugieriger gemacht. Was hat es mit dieser Geschichte auf sich? Zurückgeschreckt hat mich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur die Tatsache, dass es ein englisches Buch war und auf meinem Stapel ungelesener Bücher noch so viele Englische liegen, die ich vor allem wegen Instagram oder des schönen Covers wegen gekauft habe. Als dann nun aber endlich bei Rowohlt die Übersetzung angekündigt wurde, war klar, dass ich der Sache auf den Grund gehen musste. Umso mehr habe ich mich natürlich über meinen Gewinn bei vorablesen.de gefreut und bedanke mich entsprechend auch herzlich beim Rowohlt Verlag.

Das Cover passt zum Buch und es ist großartig, dass es für die deutsche Ausgabe übernommen wurde. Es erinnerte mich zuerst an die Zeit der Black Power und ein bisschen versucht sich ja schließlich die Protagonistin auch Gehör zu verschaffen und sie kämpft ohne Frage einen Kampf, wenn auch ganz anders als die Menschen zu jener Zeit. Dennoch erinnerte mich dann sogar auch der Name daran und an Malcom X. Auch Xiomara geht es um Rechte. Um das Recht gehört zu werden, um das Recht zu sagen, was sie denkt. Um das Recht selbst zu entscheiden wer sie sein möchte und was sie glaubt. Allerdings führt sie ihr Gefecht einzig mit Worten, die erst langsam wirklich aus ihr herauskommen.

Sein Grinsen wirkt auf einmal traurig,

und ich denke an all die Dinge, die wir sein könnten,

wenn uns niemand sagte, unsere Körper seien dafür nicht gemacht.

Elizabeth Acevedo sagt in ihrem Nachwort, dass sie dieses Buch geschrieben hat, weil es keine Bücher gibt, in denen sich schwarze Mädchen aus Harlem wirklich wiederfinden können. Sie hat versucht ein Buch zu schreiben, indem sich ihre Schülerin finden kann, die vorher nie wirklich gelesen hat. Ich finde allerdings, dass sich jedes junge Mädchen in gewisser Weise in Xiomara und ihren Problemen wiederfinden kann. Das Buch ist eine Coming-Of-Age Geschichte, die zusätzlich noch die Schärfe des Viertels in New York hat und das Problem des fast schon fanatischen Glaubens eines Elternteils. Während die Protagonistin als langsam damit beginnt ihren eigenen Körper zu akzeptieren und begreift, dass sie selbst eine Sexualität hat – damit einhergehend auch Verlangen, Ängste, Scham – muss sie sich auch noch damit auseinandersetzen, dass die Männer in ihrem Viertel genau zu wissen glauben, was sie für eine Frau ist – ehe sie es selbst eigentlich weiß. Und wenn das noch nicht genug Kampf für ein junges Mädchen ist, dann gibt es da auch noch ihre Mutter, die mir ihrem Glauben und ihren Ansichten über Gott vergleichbar mit der Mutter aus dem Horror-Klassiker Carrie von Stephen King hat.

Wenn ich es wäre, die brennt.

Auf wen könnte ich zählen,

um mich zu löschen?

Wenn ich es wäre, die zu Asche zerfallen ist,

auf wen könnte ich zählen,

mich gebührend beizusetzen?

Wenn ich nur noch Staub wäre,

wer würde dem Wind hinterherjagen,

um mich wieder zusammenzusetzen?

Hat sich Xiomara gegen dreiste Anmache und den aufdringlichen Glauben ihrer Mutter zu Beginn noch mit Fäusten und Gewalt gewehrt, so beginnt sie immer mehr ihre Worte zu nutzen, um ihren Frust zu verarbeiten. Während ihr Zwillingsbruder eine Schule für besonders gebildete Kinder besuchen darf, muss sie auf eine normale Schule in Harlem gehen. Er ist der Goldjunge und sie stets die Enttäuschung. Sie beginnt all ihre Gedanken in Worte zu fassen und schreibt diese in ihr Notizbuch. So kurz und abgehackt, wie Gedanken manchmal sind, wirkt dann auch die ganze Geschichte und geht dabei doch direkt zu Herzen.

Es ist keine Überraschung, dass der ganze Roman in Form von Gedichten und auszughaften Texten für einen Poetry Slam geschrieben ist, wenn man sich den Hintergrund der Autorin anschaut. Elizabeth Acevedo kommt aus diesem Genre und legt auch ihrer Protagonistin dieses in die Wiege. So ist man als Leser allerdings auch viel näher am Geschehen und empfindet die Gefühle ihrer Protagonistin deutlich intensiver. Die Texte sind wie ein Sog, der mich bis zur letzten Seite getragen hat. Bis an den Punkt, an dem aus Xiomara Poet X geworden ist und sie endlich merkt, dass auch in ihren Worten Kraft steckt. Noch jetzt habe ich eine Gänsehaut, wenn ich manche Zeilen noch einmal lese. Auch wenn durch diese kurzen Abschnitte und Einblicke manchmal etwas der rote Faden zu verschwinden scheint und die Handlung nicht immer basolut gradlinig scheint, ist dies eine sehr intensive Art in die Welt der Charaktere einzutauchen. Eine Art zu schreiben, die der Autorin sicher viel abverlangt hat und zeigt, wie literarisch wirkungsvoll und wichtig Poesie sein kann. Vielleicht muss ich mir das Buch nun doch noch einmal in Englisch anschauen, denn auch wenn die Übersetzung großartig und passend wirkte, frage ich mich, ob die Poetry Texte nicht noch ergreifender im Original wären.

Einen kleinen Kritikpunkt muss es von meiner Seite her allerdings auch geben. Ich mochte die Geschichte, den Realismus und den Schreibstil. Mir hat auch gefallen, dass es keine übermenschliche Happy-End Auflösung gab, sondern lediglich ein Kompromiss zwischen Mutter und Tochter gefunden wurde. Was mir allerdings etwas sauer aufstößt ist die sexuelle Orientierung des Zwillingsbruders. Nicht, weil ich ein Problem damit habe, dass er Homosexuell ist. Ganz im Gegenteil! Diesen Ansatz finde ich gut und spannend, auch wenn vielleicht etwas abgedroschen. Der Goldjunge mit dem dunklen Geheimnis. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass es nicht einfach als weiteres Randproblem der Protagonistin erwähnt wird. Es sollte wirklich thematisiert werden oder man hätte es eben auch weglassen können. Für mich gab es darin einfach keinen tieferen Sinn außer den Gedanken Xiomaras, dass ihre Mutter die sexuelle Orientierung ihres Sohnes niemals akzeptieren würde.

Meggies Fazit

Peot X ist ein Buch über das Erwachsen werden mit all seinen Facetten. Es ist aber zugleich auch soviel mehr. Es ist ein literarisches Erlebnis, eine Reise in die Welt der Poesie, eine ganz neue Art eine Geschichte zu erzählen. Dieses Buch hat wahrlich jede Aufmerksamkeit verdient und weist auf mehr als ein problem beim Erwachsen werden hin. Es zeigt wie viel Kraft Worte besitzen und wie wichtig es sein kann sich Gehör zu verschaffen. Dieses Buch hat mich tief berührt!

Aussehen: ♥♥♥♥♥

Spannung: ♥♥♥

Schlüssigkeit: ♥♥♥♥♥

Emotionale Tiefe: ♥♥♥♥♥

Schreibstil: ♥♥♥♥♥

Insgesamt: ♥♥♥♥♥

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